Nur 4 Jahreszeiten? Bruegels 6 Jahreszeiten – Und warum die Natur eigentlich 10 kennt
Wenn wir heute vom Jahr sprechen, teilen wir es meist in vier Jahreszeiten ein: Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Doch vor rund 450 Jahren malte Pieter Bruegel der Ältere (ca. 1525–1569) eine Serie, die das Jahr in sechs Abschnitte gliederte – inklusive eines eigenen Vorfrühlings. Diese berühmte Werkreihe von 1565 zeigt, wie nuanciert die Menschen damals den Jahreslauf wahrnahmen. Und heute wissen wir aus der modernen Naturbeobachtung: Eigentlich gibt es sogar zehn Jahreszeiten.
Die Serie „Die Monate“ (The Months / The Seasons) – Bruegels sechs Bilder
1565 beauftragte der Antwerpener Kaufmann Niclaes Jongelinck Bruegel mit einer Serie großformatiger Tafelbilder für sein Landhaus. Es entstanden sechs Gemälde, die jeweils etwa zwei Monate repräsentierten – eine Tradition, die im Norden Europas üblich war und den Übergangsphasen besondere Aufmerksamkeit schenkte. Nur fünf sind erhalten; das sechste (vermutlich der eigentliche Frühling April/Mai) ist verschollen.
Die bekannten Werke:
Jäger im Schnee (Hunters in the Snow) – Winter (Dezember–Januar) Verschneite Landschaft, Jäger kehren heim, eisige Kälte.
Der düstere Tag (The Gloomy Day / Vorfrühling) – Februar–März Stürmisch, trübe, Fastnachtszeit, Baumschnitt – der unruhige Übergang vom Winter zum Erwachen.
Die Heuernte (Haymaking) – Juni–Juli / Frühsommer Strahlender Sommer, Heu wird gemäht und getrocknet.
Die Kornernte (The Harvesters) – August–September Heiße Sonne, Getreideernte, Pausen im Schatten.
Die Rückkehr der Herde (The Return of the Herd) – Oktober–November / Herbst Vieh von der Alm, erste Laubfärbung.
Bruegel betonte den Vorfrühling als eigene Phase – stürmisch, noch kalt, aber mit ersten Zeichen des Frühlings (wie Baumschnitt und Fastnachtsbräuche). Das war typisch für Kalender und Stundenbücher der Zeit: Der Jahreslauf wurde feiner gegliedert als unsere heutigen vier Blöcke.
Die astronomischen Jahreszeiten – Die exakten Wendepunkte
Zum Vergleich die astronomische Einteilung (basierend auf Erdposition zur Sonne). Für 2026 gelten folgende genaue Daten (Nordhalbkugel, MEZ/MESZ):
Frühling beginnt mit der Frühlings-Tagundnachtgleiche → 20. März 2026 um ca. 15:46 MEZ
Sommer beginnt mit der Sommersonnenwende → 21. Juni 2026 um ca. 08:25 MESZ (je nach Quelle leicht variierend)
Herbst beginnt mit der Herbst-Tagundnachtgleiche → 23. September 2026 um ca. 02:05 MESZ
Winter beginnt mit der Wintersonnenwende → 21. Dezember 2026 um ca. 21:49 MEZ
Bruegels Vorfrühling (Februar/März) liegt also klar vor dem astronomischen Frühlingsbeginn – er zeigt die spürbare, wetterabhängige Übergangsphase.
Die zehn phänologischen Jahreszeiten – Wie die Natur das Jahr wirklich teilt
Noch feiner gliedert die Phänologie (Wissenschaft von den jahreszeitlichen Entwicklungen in Pflanzen und Tieren) das Jahr in zehn Abschnitte. Hier zählen nicht feste Kalenderdaten, sondern sichtbare Veränderungen bei Zeigerpflanzen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) und NABU verwenden diese Einteilung:
Phänologische Jahreszeit Typischer Beginn (Durchschnitt Mitteleuropa), Wichtigste Zeigerpflanze / Kennzeichen
Vorfrühling Ende Februar – Anfang März, Hasel blüht, Schneeglöckchen, Märzenbecher
Erstfrühling Mitte/Ende März – Anfang April, Forsythie blüht
Vollfrühling April – Anfang Mai, Apfelbaum, Flieder blühen
Frühsommer Mai – Juni, Schwarzer Holunder blüht, Rosenhauptblüte
Hochsommer Ende Juni – Juli, Sommer-Linde blüht, Johannisbeeren reif
Spätsommer August, Frühäpfel reif, Getreideernte endet
Frühherbst September, Holunderfrüchte reif
Vollherbst Mitte/Ende September – Oktober, Stiel-Eiche Früchte (Eicheln)
Spätherbst Ende Oktober – November, Stiel-Eiche Blattverfärbung
Winter Dezember – Februar, Vollständiger Blattfall, Vegetation ruht
Die ersten sechs (Vorfrühling bis Spätsommer) ähneln Bruegels Gliederung am meisten – sie fangen genau die feinen Übergänge ein, die er in seinen Bildern so meisterhaft zeigt. Heute verschieben sich diese phänologischen Termine durch den Klimawandel oft früher (z. B. Vorfrühling schon im Januar möglich).
Warum uns das heute noch fasziniert
Bruegels Bilder und die phänologische Zehnereinteilung erinnern uns: Der Jahreslauf ist kein starres Schema. In der bäuerlichen Welt des 16. Jahrhunderts zählten Arbeitsrhythmen und Wetterphasen. Heute hilft uns die Phänologie, den Klimawandel zu beobachten – und Bruegels Kunst lässt uns die Poesie dieser Nuancen spüren.
Drei der fünf Gemälde hängen im Kunsthistorischen Museum Wien – ein Besuch lohnt sich immer. Hast du schon mal vor „Jäger im Schnee“ oder „Der düstere Tag“ gestanden? Die Stimmung ist überwältigend.
Was meinst du: Würde eine Rückkehr zu mehr als vier Jahreszeiten unseren Blick auf die Natur schärfen?