Besuch bei der Pollingsrieder Pestkapelle

Ein eisiger Hauch im Nebelwald: Mein Besuch bei der Pollingsrieder Pestkapelle. Heute war es endlich so weit – ich habe mich auf den Weg gemacht in den Lauterbacher Wald, dorthin, wo die berüchtigte Pollingsrieder Kapelle St. Georg (besser bekannt als Pestkapelle) versteckt liegt. Mitten im Nirgendwo, umgeben von dichten Fichten, Nebel und Stille. Es war ein trüber Januartag 2026, der Wald wirkte wie aus einem alten Horrorfilm: kahle Äste, feuchter Boden, und in der Ferne hallte immer wieder Hundegebell durch die Nebelschwaden – mal nah, mal fern, immer ein bisschen unheimlich. Kein Wunder, dass hier die wildesten Geschichten kursieren.

Die Ankunft – und die erste Enttäuschung

Nach einem kurzen Spaziergang vom Parkplatz bei Tradfranz taucht sie plötzlich auf: die kleine, schlichte Kapelle auf ihrer Lichtung. Von außen unspektakulär, fast unscheinbar. Drinnen? Vergiss es. Der Bau ist abgesperrt und videoüberwacht – wer rein will, kriegt Ärger. Kein Barockglanz, kein goldenes Kruzifix, nur ein heruntergekommener, verfallener Sakralbau, der seit Jahrzehnten vor sich hin modert. Ehrlich gesagt: Die Kapelle selbst ist eher für den Arsch. Kein Wow-Moment, kein heiliger Schauer von innen. Der wahre Star des Ortes sind die alten Brunnen.

Die echten Gruselfaktoren: Die vergitterten Brunnen

Rund um die Kapelle stehen sie – vier (nicht fünf!) uralte Tiefbrunnen mit massiven Steinmauern und Gittern obendrauf. Moosüberwachsen, tiefschwarz im Inneren, das Wasser gluckst leise. An einem nebligen Wintertag wie heute sehen sie aus wie Tore in die Unterwelt. Man kann sich vorstellen, wie früher die Bauern hier Wasser holten, während die Pest umging. Die Brunnen sind das Einzige, was von den sechs Höfen des ehemaligen Weilers Pollingsried übrig geblieben ist – alles andere wurde Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen und aufgeforstet.

Und genau diese Brunnen befeuern die wildesten Legenden:

  • Der Mord im Brunnen (1625): Ein Pfarrer soll sich an einem jungen Mädchen vergangen haben, sie ermordet und die Leiche in einen der Brunnen geworfen haben. Ihr treuer schwarzer Hund bellte tagelang davor, führte die Dorfbewohner zur Tat und biss dem Täter schließlich die Kehle durch. Faktencheck: Keine historischen Belege, keine Knochenfunde (die Brunnen wurden sogar mehrmals getaucht – nichts außer Müll von Besuchern). Reine Schauermär, aber verdammt atmosphärisch.

  • Pestopfer in den Brunnen: Manche erzählen, Pesttote (oder sogar Lebende) seien hineingeworfen worden, als die Gruben voll waren – der Rest wurde im Wald verscharrt. Daher das nächtliche Gejammer und die Geister. Realität: Historisch unwahrscheinlich (Brunnen mussten sauber gehalten werden), und es gab nie einen Pestfriedhof hier. Die echte Pest-Legende ist viel harmloser: Um 1632–1634 gelobten die Leute dem hl. Sebastian eine jährliche Messe – danach starb im Glockenradius niemand mehr. Eine schöne, positive Geschichte, die im Internet komplett verdreht wurde.

  • Pentagramm & Satanismus: Die Brunnen sollen ein Pentagramm bilden, unterirdische Gänge verbinden, satanische Rituale stattfinden. Fakt: Nur vier Brunnen, und die liegen so nah beieinander, dass kein Pentagramm möglich ist (selbst wenn man den fünften „unter der Kapelle“ erfindet). Satanismus-Gerüchte sind reiner Internet-Hype ab den 2000ern – es gab mal ein dummes Graffiti an der Wand, das nicht mal richtig satanisch war. Kein Beweis für schwarze Messen, nur Vandalismus von Möchtegern-Gruseltouristen.

  • Der schwarze Hund: Der absolute Klassiker. Ein riesiger, pechschwarzer Hund mit glühenden roten Augen streift nachts umher, heult, vertreibt oder führt Verirrte. Wahrscheinliche Erklärung: Der echte Hofhund vom nahen Tradfranz, der frei rumläuft. Im Nebel und bei Dunkelheit wirkt jeder große Schattenhund gleich teuflisch.

Gruselig – aber vor allem durch die eigene Fantasie

Heute war es düster, verlassen und kalt. Das Hundegebell in der Ferne, der Nebel, der sich um die Brunnen legte – das hat schon was. Die Kapelle selbst enttäuscht, aber die Brunnen und die absolute Einsamkeit machen den Ort besonders. Die meisten Horrorgeschichten sind 95 % Fantasie + Internet-Stille-Post, befeuert durch die perfekte Kulisse: verlassener Wald + alte Brunnen + abgeschiedene Kapelle.

Trotzdem: Wenn du allein hingehst, bei schlechtem Wetter, und plötzlich bellt irgendwo ein Hund… dann kriegst du Gänsehaut. Garantiert.

Hier in Video:

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